Overather Original(e)

Overather Original(e) – Menschen unserer Stadt hatten was zu sagen...

Das Kulturforum Overath lud zum lockeren Talk an der Theke

(ejr) Auch in Overath gibt es sie: Originale; Menschen, die etwas zu sagen haben. Das Kulturforum Overath fragte sich, wie es wohl wäre, wenn diese Originale aus verschiedenen Stadtteilen zusammengerufen würden, um gemeinsam am Stammtisch einer Kneipe über Overath, seine Menschen und seine Geschichte(n) zu sprechen? Gedacht, getan: Im Bürgerhaus wurde eine Kneipe errichtet, bekannte und originelle Overatherinnen und Overather eingeladen und zum lockeren Gespräch gebeten.

Die Kneipe erhielt an diesem Abend den Namen „Zum röhrenden Hirsch“, benannt nach dem kapitalen Geweih, das – neben einigen Straßenschildern (Probstbalken mit b!) – die Wand zierte. Gastgeber war Karl Feldkamp, Autor aus Bergisch Gladbach. Er begrüßte die Overather Originale als Stammgäste, ebenso wie einige Künstlerinnen und Künstler, die den Abend komplettierten und dabei interessante Akzente setzten.

In der Stadt Overath gebe es viele Kirchen mit zwei Türmen, die dann regelmäßig Dom genannt würden, habe er in einem Reiseführer über Overath gelesen, sagte Karl Feldkamp. Nur der Hauptort Overath habe keinen Dom, dafür aber ein Domhotel. Aus diesem „weißen Haus“ begrüßte er die First Lady Astrid Vogel, die an diesem Abend ihre eigene Kneipe verließ, um die Gäste im „röhrenden Hirsch“ zu bedienen und so maßgeblich zur Lockerheit der Veranstaltung beizutragen.

Einer der Stammgäste des Abends war Heinz Kramer, Naturbursche, Unternehmer und Senatspräsident. Als Unternehmer beliefert er 60.000 Kunden mit Informationen über Mode; er informiert Modehersteller über die Trends der kommenden Jahre. Auf die Frage, was denn der nächste Herbst für Trends bringe, sagte er: „Der nächste Herbst ist schon zwei Jahre Vergangenheit.“ Zurzeit beschäftige er sich mit dem Winter 2007/2008, berichtete Heinz Kramer über seine industrielle Verantwortung. Ausgleich hierzu findet er beim Angeln und im Karneval: Als Senatspräsident der KG „Jecke Märjelingener“ ist es besonders stolz auf den jugendlichen Nachwuchs, der die Traditionen hochhält.

Schwester Ruth, Ordensschwester der Franziskanerinnen, saß an diesem Abend mit am Stammtisch. „Man geht nicht ins Kloster, man wird berufen“, erklärte sie dem Publikum die Beweggründe, ihre Karriere als Tänzerin zugunsten einer Ordenslaufbahn aufzugeben. Die Tänzerei war bei ihr seinerzeit Vorbestimmung, hatten sich ihre Eltern doch auf einem Kostümball kennengelernt und war sie doch beim Tanz in den Mai geboren worden. Doch irgendwann habe dies ihr Leben nicht mehr ausgefüllt, berichtete sie. Ihr erster Kontakt mit den Schwestern war jedoch für sie sehr überraschend: Sie habe sich das alles ganz anders vorgestellt, sagte Schwester Ruth, letztlich gefiel es ihr doch. Mit Heinz Kramer verbindet sie eine Anekdote, bei der sie als Choreographin das Männerballett im Marialindener Karneval einstudierte. Spontan gab Schwester Ruth an diesem Abend vor dem begeisterten Publikum eine Tanzstunde für Heinz Kramer: Tanz mit Fuß, Herz, Hand und Kopf.

Mit am Stammtisch saß auch Dr. Dieter Schmitz. Selbst wenn man ihm ein Riesenvermögen bieten würde, er würde Overath niemals verlassen, berichtete der Tierarzt von der Liebe zu seiner Heimat. An diesem Abend konnte er eine Reihe von Anekdoten zum Besten geben. So erzählte er von seiner ersten Geburt, bei der einer Vielzahl kleiner Schweine auf Gut Kombach das Leben schenken durfte. Es sein kein Problem für ihn, vom Pferd auf den Goldhamster umzuschalten, beschrieb Dr. Schmitz die Vielfalt seines Berufes. Unterstützt wird er bei seiner Arbeit durch eine freundliche Sprechstundengehilfin, mit der er seit vierzig Jahren verheiratet ist. „Das Schwerste daran, ist die Länge dieser Ehe“, sagte er schmunzelnd, betonte aber, dass er nicht auf einen einzigen Moment dieser gemeinsamen Zeit verzichten wolle.

Die „Frau mit dem frischesten Gemüse vor Ort“ (so Karl Feldkamp) ist Pervin Sentürk. Mit zwölf Jahren kam sie aus Anatolien nach Deutschland, das ihr damals wie ein Paradies vorkam. Nun betreibt sie erfolgreich einen Obst- und Gemüseladen im Zentrum von Overath. Dabei sieht sie ihre Kunden nicht als Kunden, sondern als Verwandte, mit denen man über alles reden kann. So schafft sie es, der einkaufenden Bevölkerung jede Angst zu nehmen, überredet sie, ihr ihr Herz auszuschütten und hat so schon mehrmals aktive Eheberatungen praktiziert.

Neben dem Stammtisch stand an diesem Abend ein Künstlertisch, an dem vier Künstlerinnen und Künstler Platz nahmen. Ernst Wolfgang Bücken, ein Buchhändler, der seine Bücher noch selber schreibt, nahm Platz, um eine Auswahl seiner selbstgeschriebenen Gedichte zu rezitieren. „Ihren Mut möchte ich haben“, leitete er an das Publikum gerichtet seinen Vortrag ein und präsentierte einen Querschnitt seiner lyrischen Arbeit. Er sprach vom Urknall, von Feen und ihren Wundern, vom täglichen Terror und von der Wiederkehr vom alten Zottelbär. Das Publikum war begeistert und selbst Ernst Wolfgang Bücken musste an manchen Stellen über seine eigenen Gedichte schmunzeln.

Wilhelmina Heinemann saß mit am Künstlertisch. Sie kommt aus Amsterdam, wohnt aber jetzt in Immekeppel. Die Frage, ob dies ein Kulturschock war, bejahte sie, doch letztlich habe sie sich hier eingelebt, sei heimisch geworden und wolle hier bleiben. Den ganzen Abend steuerte sie Gedichte bei, die jeweils zu den am Stammtisch angesprochenen Themen passten. Sie sprach über Vernissagen und Tomaten, über Tiere und Aldi und spielte dabei zur Begeisterung der Zuhörerschaft mit der Vielfalt der Worte und Reime.

Als Gast wurde Olivia Augustinski am Künstlertisch begrüßt. Sie vertrat ihren erkrankten Vater Peer Augustinski und las die Geschichte „Und ewig grüßt der Teamleiter“ aus dem Buch „Ist der Herd wirklich aus?“ vor. Dabei schilderte sie die Hilflosigkeit, wenn man als einfacher Kunde der Stadtwerke zwischen Servicehotline, Serviceteam, Warteschleife und dem Leiter „Back Office“ gefangen ist. Ihr Vater liebe solche Geschichten und habe deshalb diese für diesen Abend ausgewählt. Olivia Augustinski grüßte alle Anwesenden von ihrem Vater; das Publikum drückte daraufhin durch langen und starken Applaus seine besten Genesungswünsche aus.

Für den perfekten äußerlichen Rahmen für diesen Abend sorgte der Künstler Ralph Mager. Er male mit beiden Händen gleichzeitig, berichtete er und beschrieb dabei seine Bilder und kinetischen Objekte, bei denen Bewegungen deutlich zum Ausdruck kommen oder fester Bestandteil der Kunst sind. Er hole sich seine Anregungen aus der Gefühlswelt, erklärte er. Dabei stehe die Frage, ob er von der Kunst leben könne, ganz weit hinten an.

Musikalisch durchtönt wurde der Abend von der Bigband des Paul-Klee-Gymnasiums. Unter der Leitung von Michael Gerhards spielten die jungen Musikerinnen und Musiker unterhaltsame und kurzweilige Musik, von „Mission Impossible“ über „Mecky Messer“ bis zu „New York, New York“. Ein besonderes Solo an der Percussion durfte der jüngste Teilnehmer des Abends zum Besten geben: Marius Ley zeigte zur Begeisterung des Publikums sein großartiges rhythmisches Feingefühl.

Veronika Bahne-Classen, die Vorsitzende des Kulturforums Overath beschrieb den Abend mit den Overather Originalen als etwas, was es noch nie gab. Diesmal ständen keine Bilder, sondern Menschen im Mittelpunkt, stellte sie den besonderen Charakter der Veranstaltung heraus. Das Publikum nahm es beeindruckt an und zollte dem lockeren Talk viel Applaus. Karl Feldkamp führte kurzweilig und sehr gut auf seine Gäste vorbereitet durch den Abend. Die zahlreichen Anekdoten aus dem Overather Leben ließen die drei Stunden wie im Fluge vergehen, die Vielfalt der Teilnehmer zeugte von der Vielfalt der Overather. Trotz des aufkommenden Winterwetters war die Veranstaltung sehr gut besucht und machte Geschmack auf „Mehr“!